| 29 · 07 | Duisburg und die Verantwortung |
Wie konnte Duisburg passieren?
Über die Ursachen der Katastrophe von Duisburg (SPIEGEL online, http://www.spiegel.de/thema/love_parade_unglueck_2010/) wird bereits viel geschrieben, gesprochen, vermutet, diskutiert und ermittelt. Nun, für mich kristallisiert sich in den letzen Tagen eine ganz deutliche Ursache heraus. Ein einziges Wort, welches momentan sehr häufig in den Mund genommen wird: Verantwortung. Vor, während und nach der Loveparade 2010. Wikipedia definiert Verantwortung so: "Verantwortung bedeutet die Möglichkeit, dass eine Person für die Folgen eigener oder fremder Handlungen Rechenschaft ablegen kann. Sie drückt sich darin aus, bereit und fähig zu sein, später Antwort auf mögliche Fragen zu deren Folgen zu geben. Eine Grundvoraussetzung hierfür ist die Fähigkeit zur bewussten Entscheidung. Eine Verantwortung zieht immer eine Verantwortlichkeit nach sich, d. h. dafür Sorge zu tragen, dass die Entwicklung des Verantwortungsbereichs im gewünschten Sinne verläuft." (http://de.wikipedia.org/wiki/Verantwortung). Nicht zuletzt durch ein persönliches Erlebnis wurde mir das mal wieder sehr gut veranschaulicht. Ich bin am Dienstag von Düsseldorf (DUS) zu einem Kunden nach München (MUC) geflogen. Am Düsseldorfer Flughafen war bei der Lufthansa im Abfugbereich (Terminal A) exakt eine Sicherheitsschleuse geöffnet. EINE. Als ich mich in die Schlange stellte, reichte diese bereits fast bis zum Ausgang, ca. 70 Personen standen in Reih und Glied und warteten, dass es endlich vorwärts geht. Ganz langsam näherten sich meine Leidensgenossen und ich dem ersten Sicherheitsmitarbeiter am Band der Sicherheitsschleuse. "Entschuldigen Sie bitte, ich habe eine Frage/Bitte: Wir stehen hier mittlerweile mehr als eine halbe Stunde und wir alle müssen zu ihren Fliegern. Es wäre sehr ärgerlich, den Abflug zu verpassen. Wie viele Personen müssen sich hier noch anstellen, damit Sie einen weiteren Schalter aufmachen?" fragte ich ihn. Der Kötter-Mitarbeiter, der nicht sehr motiviert aussah, antwortete kurz und patzig: "Is' nich' mein Problem!"Verwundert fragte ich nach: "Wieso ist das denn nicht ihr Problem?""Weil es nich' mein Job is'" war seine erneut patzige Antwort.
"Und warum ist das nicht ihr Job?" patzte ich zurück.
"Dafür gibt es Vorgesetzte und die haben entscheiden sowas." sagte er und ging einfach weg. Ich und meine direkten Nachbarn waren erstaunt über sein Verhalten und dieses Desinteresse. Daher sprach ich einen anderen Kollegen von Kötter Security (http://www.koetter.de/) an. Dieser war zwar im Tonfall freundlicher, aber ebenso wenig an einer Problemlösung interessiert. Im Gegenteil, er setzte das Spiel mit dem Schwarzen Peter (http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzer_Peter#Weitere_Bedeutungen) fort. "Das sind nicht wir schuld, wir machen nur die Kontrollen." entschuldigte er sich. "Wer ist denn der Ansprechpartner?" wollte ich nun endlich wissen.
"Die Bundespolizei ist dafür verantwortlich. Die entscheiden, wann ein weiterer Schalter geöffnet wird." war seine Antwort und zeigte dabei auf einen Beamten.
"Können Sie dann bitte dem Kollegen Bescheid sagen? Die Schlange wird immer länger." bat ich den Kötter-Mann.
"Nein, kann ich nicht. Ich kann hier nicht weg, da wir zu wenig Personal hier haben. Gehen Sie doch! Da hinten steht ein Beamter."
Also lief ich nach erfolgter Sicherheitskontrolle zu dem Beamten von der Bundespolizei und sprach ihn an: "Entschuldigen Sie bitte, man hat mich an sie verwiesen. Man sagte mir, dass die Bundespolizei für die Öffnung eines weiteren Sicherheitsschalters verantwortlich ist." "Nein, das ist nicht richtig. Die Bundespolizei (http://www.bundespolizei.de) überprüft und beobachtet nur die Arbeit der Sicherheitsleute von Kötter und achtet auf auffällige Passagiere. (http://de.wikipedia.org/wiki/Bundespolizei_%28Deutschland%29#Auftrag)" antwortete er mir höflich aber bestimmt. Ich erwiderte: "Gut, aber was bedeutet das denn jetzt? Kötter schiebt es auf sie, sie verweisen auf Kötter Security. Gibt es denn hier keine klaren Verantwortlichkeiten?" "Selbstverständlich gibt es diese! Beschweren Sie sich doch bei meinem Vorgesetzten über Kötter. Oder sie müssen sich dazu an den Teamleiter von Kötter wenden." und zeigte auf eine Gruppe von weiteren Kötter-Mitarbeitern. Irgendwie erinnerte mich der Beamte an Giovanni Trapattoni, den ehemaligen Fußballtrainer des FC Bayern München, der einmal sagte: „Ich bin der Trainer und nicht Pontius Pilatus.“ Da mein Flieger aber sehr bald ging, habe ich auf die detaillierte Erläuterungen von Dienstvorschriften und der Suche nach dem Teamleiter von Kötter verzichtet. Die Schlange der wartenden Fluggäste war mittlerweile so lang, dass sie bis weit aus dem eigentliche Sicherheitsbereich hinaus reichte. Schnell eilte ich derweil zu meinem Gate. Insgesamt hat das alles mehr 50 Minuten gedauert. 50 Minuten in denen durch die zuständigen Kötter-Mitarbeiter oder die Beamten der Bundespolizei nichts zur Verbesserung der Situation unternommen wurde. Keiner fühlte sich verantwortlich, alle haben den schwarzen Peter - die Verantwortung - hin und her geschoben. Beteiligt waren hier nur eine Handvoll Personen. Und es war eine harmlose Situation, die ich hier keinesfalls mit Duisburg vergleichen will. Aber auf der Loveparade gab und gibt es noch mehr Möglichkeiten die Verantwortung hin und her zu schieben. Im Vorfeld durch die Politik, die Behörden und den Veranstalter. Während der Veranstaltung zwischen Polizei, Ordnungsamt und der Security des Veranstalters. Es existieren genügend Zeugenaussagen und Berichte, die davon erzählen, dass es Ewigkeiten gedauert hat, bis eine Reaktion durch die Beamten und Ordnungskräfte erfolgt ist. Von Ersthelfern, die davon abgehalten wurden zu helfen, weil es Anordnung gab Gaffer fernzuhalten (http://loveparade2010doku.wordpress.com/2010/07/27/erinnerungen-von-augenzeugen-zusammengefasst-und-verlinkt/). Ich selbst habe neben meinem Studium als Ordner gearbeitet und war unter anderem Security-Kraft beim Jubiläumskonzert der Toten Hosen am 28. Juni 1997 im Düsseldorfer Rheinstadion. Damals kam ein sechzehnjähriges Mädchen im Gedränge vor der Bühne zu Tode (Berliner Zeitung, https://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/1997/0630/vermischtes/0208/index.html). Ich war live (im Graben) dabei und habe eine ungefähre Ahnung was in Duisburg passiert ist, was schiefgelaufen ist (SPIEGEL online, http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,709047,00.html). Auch damals wollte niemand ernsthaft Verantwortung übernehmen. Auch damals war eine Katastrophe absehbar, wäre das Unglück zu verhindern gewesen (FOCUS online, http://www.focus.de/politik/deutschland/tote-hosen-konzert-tod-vor-der-buehne_aid_166361.html). Und nun, nach der Katastrophe beharrt die Politik in Person des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland auch noch auf darauf, explizit keine Verantwortung zu haben oder übernehmen zu müssen (SPIEGEL online, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,709054,00.html). Es wäre ja ein Eingeständnis. Richtig. Der Oberbürgermeister - oberster Dienstherr in Duisburg - wollte die Veranstaltung genauso wie der Veranstalter Lopavent. Fernab jeglicher Ermittlungsergebnisse und der juristischen Verantwortung und Schuld (Legale Tribune, http://www.lto.de/de/html/nachrichten/1075/Grundsaetzlich-hat-der-Veranstalter-den-Hut-auf/) hat er eine moralische, eine politische Verantwortung zu tragen. Für die größte Katastrophe dieser Art. Für eine Stadt, die für die nächsten Jahre eine große Schuld und Schande tragen muss. Für 21 Tote und mehrere hunderte Verletzte. Für unzählige Angehörige, Freunde, Notärzte, Krankenschwestern, Rettungssanitätern, Polizisten und Ordnungskräften, die ihr Leben lang mit diesen grauenhaften Bildern leben müssen. Selbst die unbeteiligten Anwohner in Dusiburg scheinen sich verantwortlicher zu fühlen als ihr Oberbürgermeister. Der NRW-Innenminister Ralf Jäger hat ganz recht, wenn er sagt, "dass der Oberbürgermeister gut beraten wäre, sehr schnell für sich die Antwort auf die Frage zu finden, welche moralische Verantwortung er trägt, und daraus zu handeln". Es wäre der überfällige Kniefall vor den Opfern, ihren Angehörigen und allen Beteiligten. Ganz zu schweigen von Rainer Schaller und der Lopavent GmbH (SPIEGEL online, http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,708410,00.html). Unabhängig was die Behörden ermitteln: ER ist der Veranstalter (http://de.wikipedia.org/wiki/Veranstalter), der VERANTWORTLICHE (SPIEGEL online, http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,708953,00.html). Bitte, wer mag denn noch weiter solche Events organisieren, wenn auf der eigenen Veranstaltung 21 Tote zu beklagen waren? Herr Schaller, lösen Sie die Lopavent GmbH auf, verkaufen Sie McFit und verteilen Sie den Verkaufserlös an die Angehörigen der Opfer - und nicht nur die lächerlichen 7,5 Mio. EUR von der Versicherung (SPIEGEL ONLINE, http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,708586,00.html) oder die Gelder aus dem eingerichteten Hilfsfonds (SPIEGEL online, http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,709201,00.html). Ziehen Sie sich ins Privatleben zurück. Werden Sie Mönch und beten Sie bis ans Lebensende für die Seelen der Opfer. What ever, aber zeigen Sie endlich Charakter und Größe. Nun wird darüber diskutiert, ob die Besucherzahlen gefälscht wurden (WAZ, http://www.derwesten.de/nachrichten/Teilnehmer-Zahlen-zur-Loveparade-waren-gefaelscht-id3317706.html). 21 Tote gab es trotzdem. Scheiß auf die wahren Besucherzahlen. Selbst wenn es stimmen sollte, dass Zuschauerzahlen aus marktschreierischen Gründen verfälscht wurden, drängt sich umso mehr eine Frage auf: Wenn wirklich so wenige Teilnehmer erwartet wurden, ist es umso schlimmer, dass man selbst diesem Andrang nicht gewachsen war. Ich finde es erschreckend, wie wir Deutschen mit Verantwortung umgehen. Das beginnt bereits im eigenen Umfeld, auf der Arbeit. Viele versuchen nur, Verantwortung weit von sich zu schieben, auf andere abzugeben, sich aus der noch nicht einmal vorhandenen Schlinge zu ziehen. Die eigene Verantwortung hinter einem Vorhang aus Hierachien, Ränkespielchen, Seilschaften und Vorschriften zu verschleiern. "Ich? Ich bin unschuldig! Der da ist schuld!" oder "Ich konnte ja nicht anders, weil der da..." usw. usw. Immer gibt es einen Vorgesetzen, einen Abteilungsleiter, einen Amtsleiter oder einen Kollegen, der verantwortlich ist. Oder eine Vorschrift. Nur man selbst ist nie schuld. Die eigenen Hände werden stets in Unschuld gewaschen. Lieber einen anderen ans Messer liefern, als einmal selbst einen Arsch in der Hose zu haben und zu sagen: "Das war scheiße von mir/uns, ich werde die Konsequenzen tragen. Ich übernehme die persönliche Verantwortung dafür." "...erstens sind Schulddiskussionen rückwärtsgewandt und tragen nichts zur Lösung des aktuellen Problems bei, zweitens wirken sie zersetzend auf den Zusammenhalt des Teams, und drittens sind sie ein Indiz dafür, dass der Glaube an den Erfolg des Projekts entweder verloren gegangen ist oder verloren zu gehen droht." schreibt der Unternehmensberater Winfried Berner (http://www.umsetzungsberatung.de/psychologie/schuld.php). Jeder sollte, jeder muss zu seiner Arbeit, seinen Entscheidungen und zu den Konsequenzen seiner Handlungen stehen. Das fängt im Kleinen bei jedem abhängig Beschäftigtem, Selbstständigen oder Unternehmer an und endet in der Politik. Der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland muss unabhängig von seiner juristischen Schuld sofort zurücktreten. Ein Zeichen setzen und den Veranstalter mit in den Abgrund reißen. Denn wenn er nicht einmal für eine solche Katastrophe Verantwortung übernehmen will, frage ich mich, wie er wohl erst mit den kleineren Katastrophen und Problemen in Duisburg umgeht. Was bedeuten ihm eigentlich seine Bürger, seine Wähler? Was bedeuten uns eigentlich unsere Kollegen und Freunde? Unsere Kinder und die Familie? Unsere Kunden und unsere Arbeit?
Sind sie es nicht wert, Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen der eigenen Handlungen - auch der Fehler - zu tragen? „Grundlage jeder wahren Verantwortung und damit der höchsten Form von Menschenwürde bleibt es, sich darüber klar zu werden, was das, was man tut, wirklich bedeutet.“
Max Steenbeck (1904-81), dt. Physiker









